Unter dem Begriff Wurzelkanalbehandlung werden mehrere aufwendige zahnärztliche Arbeitsschritte zusammengefasst, deren gemeinsamer Sinn und Zweck die Beseitigung einer chronischen Entzündung des Zahnmarks (Zahnpulpa) ist, mit dem Ziel einer möglichst langfristigen Erhaltung des betroffenen Zahns.
Das Zahnmark (umgangssprachlich, aber falsch auch: der „Nerv“) besteht aus Bindegewebe mit Blut- und Lymphgefäßen sowie Nervenfasern; es füllt den Innenraum des Zahns, die Pulpenhöhle aus. Dieser von der äußeren Zahnhartsubstanz umschlossene Hohlraum reicht von der Zahnkrone bis hinunter in die Spitze(n) der Zahnwurzel(n). Während die menschlichen Schneidezähne nur eine Zahnwurzel besitzen, haben die großen hinteren Backenzähne (Molare) zwei oder drei Wurzeln. Innerhalb einer jeden Zahnwurzel verläuft mindestens ein Wurzelkanal.
Innerhalb der Zahnheilkunde ist jener Bereich, der sich mit dem Zahnmark beschäftigt, ein eigenes Fachgebiet, die Endodontie. Zwar finden sich schon in der zahnmedizinischen Literatur des 18. Jh. Abschnitte, die sich mit dem Inneren des Zahns beschäftigen, so etwa bei Pierre Fauchard (1678 – 1761, „Le Chirurgien Dentiste“), doch erst 1963 etabliert die American Dental Association den Bereich Endodontie als zahnmedizinische Spezialdisziplin. Die Deutsche Gesellschaft für Endodontie (www.dg-endo.de) wird 2002 gegründet. Einen offiziellen, geprüften Titel „Fachzahnarzt für Endodontie“, etwa nach Absolvierung eines postgradualen Zusatzstudiums, gibt es derzeit in Deutschland noch nicht. Wohl aber nennen sich viele Zahnärzte bereits „Spezialist“ für Endodontie – hier sollte, bevor man sich als Patient in Behandlung begibt, stets kritisch hinterfragt werden, wie und nach welchen Kriterien die Zusatzqualifikation erworben wurde.
Wie aber kann es eigentlich zur Entzündung des Zahnmarks kommen? Häufigste Ursache ist eine tiefe bzw. zu lange unbehandelte Zahnfäule (Karies), deren bakterielle Produkte in das Zahnmark wandern, sich dort weiter vermehren und schließlich zum Gewebstod (Nekrose) führen können. Aber auch ein übermäßiger Hitzereiz, etwa bei nicht ausreichender Wasserkühlung des Zahns bei den Schleifarbeiten für ein Inlay oder eine Krone, kann zur Entzündung des Zahnmarks führen. Tückisch sind auch winzige Undichtigkeiten bestehender Zahnfüllungen, entstanden entweder durch Verschleiß oder handwerklich mangelhafte Ausführung, durch die Bakterien aus der Mundhöhle in den Zahn vordringen und eine Karies unter der Füllung verursachen können.
Eine Entzündung des Zahnmarks kann akut sehr schmerzhaft sein oder auch unauffällig verlaufen, wenn der betroffene Zahn nur eine leichte Mißempfindung (Klopfempfindlichkeit, Heiß-Kalt-Empfindlichkeit) zeigt. Häufig bildet sich im Verlauf der Erkrankung ein eitriger Abszess im Wurzelspitzenbereich, mit von außen sichtbarer Rötung und fühlbarer Schwellung des Zahnfleischs. Spätestens jetzt muss der Zahnarzt aufgesucht werden, um noch üblere Folgeschäden durch bakterielle Infektionen am Kieferknochen oder auch an inneren Organen zu vermeiden. Ein Röntgenbild schafft Klarheit über den Ist-Zustand.
Wenn der Zahnarzt das Übel nun im Wortsinne an der Wurzel packt geht es darum, das zerstörte bzw. bakteriell infizierte Gewebe vollständig aus dem Zahninneren zu entfernen, damit sich die Infektion nicht weiter ausbreiten kann. Dies ist eine handwerkliche Feinarbeit, bei der das Maß an nötiger Präzision und Sorgfalt durchaus mit dem Szenario beim Uhrmacher vergleichbar ist. Geduld und Kooperationsbereitschaft des Patienten ist ebenso unabdingbar. Der behandelnde Zahnarzt muss zunächst eine möglichst keimfreie Umgebung für den zu präparierenden Zahn schaffen, indem er diesen vom Rest des Mundraumes mit einem so genannten Kofferdam (mit Metallklammen gespanntes Gummituch rund um den Zahn) isoliert und desinfiziert. Es erfolgt nun die Entfernung von Karies, Zahnsubstanz und / oder schadhafter Füllung, um den Hohlraum mit dem Zahnmark frei zu legen. Für die weiteren Arbeitsschritte ist die Verwendung eines Mikroskops vorteilhaft: Jetzt werden der oder die Wurzelkanäle mittels ganz feiner Sonden / Bohrer vollständig geleert, also vom entzündeten, noch aktiven (lebenden) oder abgestorbenen Gewebe befreit und desinfiziert; sodann wird die Kavität (also das gesamte „Bohrloch“ des Zahns) mit einer provisorischen Füllung verschlossen. Das alles erfolgt natürlich unter lokaler Betäubung. Hier endet üblicherweise die erste Sitzung zur Wurzelbehandlung, das entzündete Pulpengewebe ist entfernt und das in die Wurzelkanäle eingebrachte Desinfektionsmittel / Antibiotikum soll nun in den nächsten Tagen etwaigen Bakterienresten in den feinsten, mechanisch nicht erreichbaren Seitenästen der Wurzelkanäle den Garaus machen.
Beim zweiten Termin etwa eine Woche später werden dann die Wurzelkanäle in der beschriebenen Art und Weise nochmals bearbeitet (geglättet), gespült und schließlich mit einer elastischen Substanz (üblicherweise Guttapercha, eine kautschukähnliche Substanz aus tropischer Baumrinde) dicht verschlossen. Der obere Bereich der Kavität wird mit Zement aufgefüllt und der Zahn erhält, um ihm seine ursprüngliche Stabilität und Belastbarkeit wieder zu geben, ein mehrflächiges Metallinlay oder eine Krone. Der so behandelte Zahn ist biologisch „tot“, d.h., dadurch, dass das versorgende Gewebe aus seinem Inneren entfernt wurde, findet kein Stoffwechsel und somit keine Gewebserneuerung mehr statt. Erkennbar wird dies nach einiger Zeit durch die Dunkelfärbung des Zahns, was aber nur sichtbar wird, wenn der sichtbare Teil nicht durch eine Krone abgedeckt wird.
Was bringt der ganze Aufwand nun? Im Idealfall ist der Zahn schmerzfrei, stabil und tut noch viele Jahre problemlos seinen Dienst. Leider ist dies in der Praxis längst nicht immer der Fall. Auf den Informationsseiten von Zahnärzten, die sich auf Endodontie spezialisiert haben, ist oft von Erfolgsquoten „bis zu 80 Prozent“ die Rede. Eine aktuelle Studie der Zahnklinik an der Universität Göttingen kommt leider zu einem anderen Ergebnis: Hier wird die Zahl der langfristig (das meint hier über zwei Jahre) problemlosen Fälle im Bereich zwischen 40 und 50 Prozent angegeben. Die Gründe liegen laut der Studie einerseits in der verwinkelten Anatomie im Zahnwurzelbereich, wo eben doch häufig unerreichte Bakteriennester zurück bleiben, die dann bald wieder einen neuen Entzündungsprozess initiieren; zum anderen wurde aber auch festgestellt, das seitens des behandelnden Zahnarztes oft einfach schlampig gearbeitet wurde.
Dies soll nun zusammenfassend aber nicht heißen, dass die Wurzelkanalbehandlung eine teure und ineffiziente Therapie ist, die man sich schenken kann; verglichen mit der Alternative, den Zahn ziehen zu müssen (Extraktion), ist es, wenn die individuelle Situation (Vorgeschichte, Grad der Schädigung, Restsubstanz, Anatomie) es sinnvoll erscheinen lässt, immer besser, einen Zahn zu erhalten. Kein Zahnersatz ist so gut wie ein natürlicher, funktionsfähiger Zahn!