Wohl jeder wünscht sich ein schön gleichmäßig aussehendes und perfekt funktionierendes Gebiss, doch nur wenige Menschen besitzen von Natur aus perfekt passende Zähne. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Abweichung von der Idealform auch medizinisch behandelt werden muss. Generell kann gesagt werden, dass ideal stehende und korrekt gegeneinander abgestützt stehende Zähne die Prognose für den langfristigen Erhalt der Zähne deutlich verbessern. Zudem kommt es auf das persönliche ästhetische Empfinden sowie auf den Grad der Fehlstellung bzw. Einschränkung der natürlichen Funktion an.
Fehlstellungen oder –Funktionen von Zähnen und Kiefer (dentofaziale Anomalien) können erblicher Natur sein oder ihre Ursache in äußeren Einflüssen haben. Abweichungen (Anomalien) von der idealen Form der Zahnreihen und ihres richtigen Kontakts beim Zusammenbeißen (Okklusion) zeigen sich in einigen Fällen schon im frühen Kindesalter, weshalb eine erste zahnärztliche Kontrolle des kindlichen Gebisses wichtig ist, sobald erste Milchzähne sichtbar geworden sind. Eine weitere Kontrolle sollte sich anschließen, wenn das Milchgebiß komplett entwickelt ist. Weitere wichtige Zeitpunkte, zu denen das Gebiß kieferorthopädisch untersucht werden sollte, sind der Zahnwechsel mit sechs Jahren und die Zeit kurz vor dem Einsetzen der puberalen Wachstumsschubes, also mit zehn Jahren. Der Zahnarzt unterscheidet verschiedene Klassen und Grade von Fehlstellungen einzelner Zähne oder der ganzen Zahnreihe, am bekanntesten sind wohl eine weit vorstehende obere Zahnreihe (Überbiss), eine untere Zahnreihe, deren vorderer Bogen vor dem oberen Zahnbogen liegt (Unterbiss) sowie ein seitlicher Versatz der Zahnreihen (Kreuzbiss) und unvollständig schließende Zahnreihen (offener Biss). Auch scheinbar kleine Winkelfehler einzelner Zähne können die Gesamtfunktion des Kauapparates bereits massiv beeinträchtigen und zu dauerhaften Verspannungen bzw. Schäden der Kiefermuskulatur oder zu Sprechstörungen führen.
Der Zahnarzt kontrolliert die altersgemäße Zahnanzahl und Zahnform sowie die Einzel- und Gesamtstellungen der Zähne mit ihren Bisspositionen. Ergänzende Röntgenaufnahmen können Aufschluss über Kieferfehlstellungen oder Anomalien des Kiefergelenks geben, hier kommen wir aber bereits in den Arbeitsbereich des Kieferorthopäden, der ggfs. auch Sprechschwierigkeiten oder Probleme aus dem HNO-Bereich näher untersucht.
Eine zahnärztliche und / oder kieferorthopädische Behandlung von Fehlstellungen ist prinzipiell in jedem Lebensalter möglich. Korrekturen des Wachstums sind nur im im Kindes- und Jugendalter möglich. Eine Positionskorrektur einzelner Zähne funktioniert bei Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen. Vor Behandlungsbeginn sollten stets zwei Kriterien erfüllt sein: Ein kariesfreies (bzw. saniertes) Gebiss sowie ein entzündungsfreier Zahnhalteapparat (keine Gingivitis / Parodontitis).
Je nach Alter und Ausgangssituation werden zur Korrektur der Fehlstellung(en) entweder herausnehmbare Apparaturen (Zahnspangen) und/oder festsitzende Apparaturen (Multiband-Brackets) eingesetzt. Auch kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Behandlungen werden bei schweren Fehlstellungen im Erwachsenenalter durchgeführt. Sowohl bei herausnehmbaren Zahnspangen als auch bei Brackets existiert mittlerweile eine Vielzahl von Materialien und Ausführungsvarianten; der behandelnde Arzt wird in Abstimmung mit den Wünschen und Vorlieben des Patienten die optimale Wahl treffen. In jedem Fall ist die aktive Mithilfe des Patienten gefordert, sowohl was das konsequent regelmäßige Tragen der Zahnspange (i.d.R. kontinuierlich tags und nachts, mit Ausnahmen) als auch die gründliche Reinigung der Apparatur nebst intensiver Mundpflege angeht.
Nach Abschluss der eigentlichen Korrekturbehandlung muss eine regelmäßige Nachkontrolle erfolgen, da die korrigierten Zähne / Zahnabschnitte lebenslang dazu neigen, in ihre ursprüngliche Fehlstellung zurück zu wandern. Um dies zu verhindern, wird das Tragen von speziellen Haltespangen (sog. Retainern) lebenslang empfohlen. Um im Kindesalter nichterblichen Zahnfehlstellungen vorzubeugen, sind schädigende Angewohnheiten wie zu langes / zu intensives Schnullertragen, Daumenlutschen oder das notorische Pressen der Zunge gegen den vorderen Zahnbogen nach Möglichkeit zu vermeiden oder abzugewöhnen. Ferner ist die gründliche Pflege des kindlichen Milchgebisses wichtig, um die ersten Zähne so lange gesund zu erhalten, bis diese auf natürliche Weise ausfallen, weil die „richtigen“ Zähne nachrücken. Denn Zahnlücken aufgrund zu früh ausgefallener Milchzähne begünstigen Fehlstellungen der nachrückenden Zähne enorm.